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Zuckerrohr, Gentech und Plastiksäckchen

Vor ein paar Wochen telefonierten wir mit Freunden, die ihre Weltreise vor Kurzem in Kanada gestartet haben und wir tauschten uns über die aktuellen, lokalen Preise und Produkte aus. Sie erzählten uns, dass die Preise in Kanada für Bio-Produkte sehr hoch seien. Wir schmunzelten, da wir schon lange nicht mehr an Bio gedacht haben. Hier in Südamerika gibt es zwar Bio, aber es ist schwer zu finden und im Moment konzentrieren wir uns eher darauf, keine Produkte mit transgenen Inhaltsstoffen zu kaufen, da ist Bio noch sehr weit davon weg.


Schon in den ersten Tagen in Brasilien ist uns der extreme Verbrauch an Plastiksäckchen aufgefallen. Man wird im Supermarkt komisch angeschaut, wenn man seine Stoffeinkaufstasche mit dabei hat. Alle Einkäufe werden an der Kasse in unzählige Plastiksäckchen verpackt. Und dabei gehen sie nicht sparsam mit den Säckchen um. Eine Milch oder ein Kilo Mehl pro Säckchen ist nicht ungewöhnlich, da sie ja nicht allzu viel aushalten und auch schnell reissen. Für einen Wocheneinkauf für eine Familie kommt man dann gerne auf 20 Säckchen, die übrigens meist gratis verteilt werden. Immerhin werden einige danach als Abfallsack verwendet. An der Kasse stehen häufig Angestellte, die den Einkauf direkt verpacken. Wenn wir keine Säckchen möchten, müssen wir immer darum kämpfen und werden auch immer komisch angeschaut.

Nach gutem Schweizer Beispiel gehen wir immer mit unseren Stofftaschen einkaufen. Als ich vor kurzem in einem Supermarkt war, kam die Verkäuferin auf mich zu und meinte, ich müsse meine Tasche einschliessen lassen. Dies macht man hier, wenn man mit Rucksäcken oder Taschen in den Supermarkt rein will, damit man nichts stehlen kann. Ich verstand im ersten Moment gar nicht, was die Dame von mir wollte, da ich ja nichts dabei hatte. Erst als ich die leere Tasche in meiner Hand bemerkte, wurde mir klar, was sie meinte. Ich machte ihr klar, dass dies meine Einkaufstasche sei und dass diese im Moment noch leer sei, aber für die Einkäufe gedacht sei. Sie schaute mich erstaunt an und ich durfte meine Tasche behalten. Wahrscheinlich war sie in dem Moment genau so verwirrt wie ich.


In Brasilien fiel uns auf vielen Verpackungen ein Warnsymbol auf, das wir bis jetzt nicht gekannt hatten. Ein gelbes Dreieck mit einem schwarzen T drin. Dieses Symbol ist auf fast allen Produkten, die Fleisch, Soja oder Mais enthalten. Und das sind extrem viele Produkte. Sogar auf den Eiern ist es mir vor Kurzem aufgefallen. Das ist das Symbol der transgenen Lebensmittel, also Lebensmittel die irgend ein gentechnisch verändertes Lebensmittel enthalten. Brasilien ist neben den USA das Land mit der grössten Soja Produktion. Das meiste davon ist Tiernahrung. Somit haben so gut wie alle tierischen Produkte diese Kennzeichnung drauf. Aber auch auf vielen nicht tierischen Produkten, die Soja oder Mais enthalten, findet man dieses Warnsymbol. Nicht einmal Backpulver habe ich ohne Warnsymbol gefunden, da es Maisstärke enthält. Auch das normale Speiseöl, was hier Sojaöl ist, ist aus gentechnisch verändertem Soja hergestellt. Wenn man ein Öl ohne Gentechnik möchte, kostet es mindestens doppelt so viel wie das Sojaöl. Sogar scheinbar gesunde, ökologische Produkte enthalten häufig gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe.


Brasilien ist bis jetzt erste Land, in dem uns dieses Warnsymbol aufgefallen ist und wo wir es teilweise wirklich schwierig finden, Produkte ohne dieses Symbol zu finden. Ob in den anderen Ländern keine gentechnisch veränderten Lebensmittel verkauft werden, oder ob sie es nicht deklarieren müssen, wissen wir nicht. Es ist ja nichts Neues, dass Brasilien so viel gentechnisch veränderte Tiernahrung herstellt, jedoch bekommt es für uns eine andere Bedeutung, wenn wir dieses Warnsymbol plötzlich auf unserem Essen haben. Es schreckt uns ehrlich ab, diese Produkte zu kaufen. Jedoch finden wir es gut, dass alles so gekennzeichnet werden muss. Es fördert immerhin das Bewusstsein, was alles gentechnisch veränderte Rohstoffe enthält. Aber wie schon erwähnt, häufig gibt es im normalen Supermarkt gar keine Alternativen und wahrscheinlich ist es für die meisten Brasilianer völlig normal geworden.


Wir haben im Vorfeld viel über die Soja- und Maisproduktion in Brasilien gehört. Diese sind sehr bekannt und stehen neben der Rinderzucht häufig in der Kritik, wenn es um den Erhalt des Regenwaldes geht. Umso erstaunter waren wir, dass wir dort, wo wir waren, so gut wie keine Soja- oder Maisfelder gesehen haben, diese Anbauflächen seien mehr im Landesinneren. Was wir vor allem sahen, waren Zuckerrohrfelder. Von São Paulo bis in den Norden haben wir viele Hektaren Zuckerrohr gesehen. Brasilien ist nach den USA der grösste Zuckerrohr Produzent der Welt. Aus dem Zuckerrohr wird entweder Zucker oder Ethanol hergestellt, das in der Landwirtschaft als Treibstoff verwendet wird. Die Zuckerrohr Herstellung schadet dem Land ökologisch gesehen wahrscheinlich gleich wie die Produktion von Soja, Mais und Fleisch. Alles sind Verkaufsschlager weltweit, auch in Europa. Vom wirtschaftlichen Standpunkt her macht es Brasilien zu einem aufstrebenden Land und führt zu extremen Wohlstand zumindest für einen ganz kleinen Teil der Bevölkerung.


Es gibt viele sehr spannende Artikel, die genauer über die Landwirtschaft in Brasilien berichten. Sich eine Meinung darüber zu bilden ist extrem schwierig und auch vor Ort fast unmöglich, vor allem als Reisende. Was uns aber auffällt, sind die enormen Landwirtschaftsflächen und wie diese bewirtschaftet werden. Monokulturen so weit das Auge reicht, Brandrodungen und vor allem die Überbleibsel der früheren Natur. Sobald sich eine Fläche nicht lohnt zu bewirtschaften, wird sie der Natur überlassen. Dort sieht man wie bewaldet es eigentlich einmal gewesen war und wie gross die Biodiversität einmal war. Der Kontrast ist gewaltig und macht uns traurig. Wenn wir das Gesehene mit den Artikeln kombinieren, haben wir die Befürchtung, dass gigantische Teile Brasiliens von Grosskonzernen, Grossgrundbesitzern, Politikern und den Superreichen dieser Welt vergiftet werden. Und das alles natürlich auf Kosten der normalen Bevölkerung und der weltweiten Gesundheit. Für uns ist klar, dass keiner die Auswirkungen der brasilianischen Landwirtschaft auf die lokale Natur und das weltweite Klima vorhersagen kann.


Es stimmt mich traurig, wenn ich so kritisch über ein so spannendes und schönes Land schreibe. Brasilien ist ein wundervolles Land, das vor Schönheit nur so strotzt. Doch leider sehen wir auf unseren Reisen nicht nur all die Schönheiten, sondern auch einige der Probleme, mit denen ein Land zu kämpfen hat. Die Landwirtschaft und dessen Auswirkungen sind hier einfach nicht zu übersehen. Schlussendlich sind es genau diese Dinge, die unseren Blick auf die Welt ändern und uns zum Nachdenken anregen. Und Reisen sollte doch genau das tun, den eigenen Blickwinkel öffnen, oder nicht?


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