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1001 Nacht unterwegs... das grosse Interview

Melina, eine gute Freundin und Motorradreisende (@motornotes) hat dieses Interview mit uns geführt, übers Motorradreisen und was die Reise mit uns so gemacht hat. Es wurde ein sehr langes Interview und dies ist der erste Teil, in dem es um unsere Reise geht. Der zweite Teil, der eher zukunftsorientiert ist, werde ich in einem zweiten Artikel veröffentlichen.



Bild: erstes gemeinsames Foto mit Melina und David, Frühlilng 2020



August 2023, @motörnotes interviewt @explorelife:


Wir haben Marina und Rino vor 4 Jahren (genau am 15. August 2019) am Horizon Unlimited Festival in der Zentralschweiz kennengelernt. Wir haben uns mit den beiden sofort gut verstanden, uns folglich einfach frech bei ihnen eingenistet und ihr Vorplatz wurde zu unserem Wohnzimmer. Wir wurden Freunde und als es dann bei den beiden losging (im Frühling 2020 auf die Alp und dann Herbst 2020 auf die Weltreise) verlagerte sich unser Kontakt auf die digitale Welt, ist aber nie abgebrochen. Im Gegenteil, wir konnten natürlich enorm von der Erfahrung der beiden profitieren und viel Wissen anzapfen, da wir auch eine grosse Reise planten, aber unser Start eineinhalb Jahre nach den beiden war. Als auch wir dann alles hinter uns liessen und los düsten war eines klar: irgendwo, irgendwann treffen wir uns auf dieser Reise!




Wir haben nun den 5. August 2023 und wir sitzen alle vier im unserem Häuschen in den Bergen von Kolumbien, 3 Stunden nördlich von Bogota im Departement Boyaca. David und ich vom Norden (Panama) her, Marina und Rino vom Süden (Ecuador) her, haben wir uns in der Tatacoawüste unterhalb von Bogota getroffen und sind zur Finca gefahren, welche wir für 4 Wochen gemietet haben. Die beiden meinten schon länger, dass sie reisemüde sind und langsam an ein Ende dieser Reise denken und wir haben nach über einem Jahr auch das Bedürfnis nach einer Pause.


Am 25. Juli haben wir mit Marina und Rino auf ihren 1000sten Reisetag angestossen und ich finde es ist ein guter Zeitpunkt die beiden mal in einem Interview zu befragen, wie es ihnen heute geht und was nach so langer Zeit unterwegs einem so durch den Kopf geht.


Bild: Anstossen auf den 1000sten Reisetag


Und los gehts!


Die letzten paar Wochen waren eine Durststrecke, nebst der Reisemüdigkeit kamen etliche technische Probleme bei Marinas Töff dazu, die die Weiterfahrt und Ankunft in Kolumbien (und unser Treffen) lange offen liessen. Nun habt ihrs geschafft und seit 2 Wochen sind wir hier in unserer Oase. Wie fühlt ihr euch gerade jetzt?

 

Rino: …… hmm gerade jetzt? Entspannt… aber mit Gedanken im Kopf wie es denn weitergeht mit dem Töff (technische Probleme) und uns…was wir noch brauchen und organisieren müssen. Und immer noch reisemüde!

Marina: Immer noch reisemüde, Kopf ist voll, und es braucht noch Zeit dass alles sacken kann. Und die grosse Frage WIE WEITER!


Zwei Wochen sind natürlich noch nicht gerade lange, konntet ihr trotzdem schon etwas runter fahren/verarbeiten/Energie tanken oder hat sich sonst etwas verändert?


Marina: …… nur wenig, ich merke immer noch, dass ich den Kopf schnell voll habe. Reiselust ist nicht da, aber es ist besser als auch schon.

Rino: Momentan kann ich schon runter fahren, ABER ich weiss auch, dass wenn es weitergeht wird es wie vorher sein. Mein Bedürfnis ist jetzt gezielt ein paar Punkte anzufahren, ich will nicht mehr wie vorher einfach drauflos reisen, dieses Kapitel ist beendet.


Aber jetzt mal Klartext (Achtung Ironie), die meisten Zuhause fragen sich wohl wie man nach 2.75 Jahren „Urlaub“ so auf der Fresse sein kann, könnt ihr diese Leute bitte mal kurz aufklären?


(lautes Lachen!)

Rino: Ok, an die Leute zuhause, versucht mal 2 Monate mit dem Auto und paar Klamotten und Ausrüstung einfach blind drauf loszufahren, ohne Hotel und Restaurants! Danach sprechen wir wieder…

Marina: Die Vorstellung jeden Tag an einem anderen Ort aufzuwachen und sich zurechtzufinden trifft es ziemlich. Aber ich glaube es ist schwierig nachzuvollziehen wenn man dies selber nie gemacht hat. Reisen ist einfach nicht Urlaub. Im Urlaub hat man alles organisiert und kann hauptsächlich geniessen, auf einer langen Reise, muss man konstant Dinge organisieren, von denen man häufig keine Ahnung hat, woher man sie bekommen könnte. Und schon das Thema Unterkunft ist so eine Sache. Wir müssen uns jeden Tag überlegen und nachschauen, wo wir heute übernachten können.


UNTERWEGS MIT MOTORRAD UND ZELT


Durch die Pandemie wurde eure Reise im ersten Jahr sehr erschwert. Was waren die Schwierigkeiten? Wie hat es sich angefühlt? Was war mühsam aber was war auch schön?


Marina: Der grosse Punkt für mich war, dass ich extrem enttäuscht war und mir die Vorfreude von Zuhause aus fehlte, weil die Welt war komplett zu und man wusste nicht wohin.

Rino: Es war mehr nach dem Motto «wir gehen jetzt einfach mal, denn was sollen wir sonst machen« (Anm.d.R.: die Wohnung, die Arbeitsstelle waren ja schon vor der Pandemie aufgegeben worden)

Marina: Wir starteten in eine Welt, die so zu war wie noch nie. Das bedeutete, wir konnten unseren Plänen und Ideen nicht einfach folgen, sondern mussten uns am einzig Möglichen ausrichten und jeden Tag abklären was aktuell überhaupt möglich ist.

Rino: Was auf der anderen Seite auch interessant war und unsere Reise an Orte führte, wo wir sonst nie gelandet wären. Speziell war, dass touristische Ort völlig ruhig war (z.B. Rom, Vatikan, San Pedro de Atacama in Chile und die Iguazu-Wasserfälle) . Aber gleichzeitig fehlte auch die Lebendigkeit, Märkte, Kaffees….


Generell was habt ihr euch vor Abfahrt vorgestellt und wie ist es gekommen? Z.b. Reiseroute, Erlebnisse, Dauer…


Marina: Der ursprüngliche Plan/Idee war Richtung Osten, Asien evt. Australien. Vor dem Start konnten wir dann nur nach Spanien oder Italien (es war Herbst). Am Tag der Abfahrt wollten wir eine Münze werfen, wohin es gehen soll, jedoch schloss Frankreich (als Durchfahrtsland) am Morgen der Abfahrt die Grenzen, sodass nur Italien übrig blieb.

Rino: Nach zwei Monaten in Sizilien, Italien fingen wir an Alternativen zu suchen. In Europa zu bleiben kam für uns einfach nicht in Frage. Wir schauten uns weltweit alle Länder an, wohin wir fliegen konnten und wohin wir unsere Motorräder verschiffen konnten. Zur Auswahl standen dann noch Brasilien, Südafrika oder Chile. Brasilien war aber heikel mit einer eigenen Virusvariante, die gerade am aufkommen war und Verschiffen war teurer. Südafrika wussten wir nicht wie es bezüglich Visa aussieht, falls wir es pandemiebedingt verlängern müssen. Und damit blieb nur noch Chile übrig.

Marina: Weil ich in Argentinien bereits ein Austauschjahr gemacht hatte, wusste ich auch ein bisschen worauf wir uns einlassen und ich konnte bereits die Sprache, was uns zu diesem Zeitpunkt Sicherheit gegeben hat.


Wie reist ihr generell? Eher geplant, eher intuitiv, oder je nach dem?


Rino: ...im Vergleich zu der Mehrheit wohl sehr intuitiv.

Marina: Mit der Zeit planten wir etwas mehr, ist auch etwas bequemer.


Apropos Reisemüdigkeit: Was war in letzter Zeit das anstrengendste am Reisen?


Marina:…… mein blöder Töff!!!!! die Probleme zogen sich über Monate, und wir fanden nicht heraus was es ist, es beschäftige uns tagtäglich, wir sahen kein Ende und wussten nicht ob wir noch weiterkommen. Mein Motorrad schaltete dauernd mitten in der Fahrt einfach ab. Dies ist sehr ärgerlich und kann auch sehr gefährlich sein, vor allem auf grossen Strassen mit Lastwagen im Rückem. Aber jetzt haben wir das Problem gefunden, es war nur der Umkippsensor. Eigentlich eine Kleinigkeit, aber wir sind einfach nicht drauf gekommen....


Würdet ihr die Reise wieder mit dem Motorrad machen? Was ist der Hauptvorteil, der Hauptnachteil für euch?


Rino:…… Es ist toll, dass wir diese Reise mit dem Motorrad machen, aber ich glaube nicht, dass ich nochmals so eine lange Reise mit dem Motorrad machen würde. Das Fahren an sich macht Spass. Man ist nah an den Leuten. Man ist immer draussen. Kriegt alles mit (Temperatur, Düfte, Wetter wie Schnee, Regen).

Marina: An einem Töff lässt sich einfacher rumschrauben als an einem Bus.

Rino: Nachteil sind vor allem Wetterextreme (Hitze, Regen, Kälte).

Marina: Und es ist einfach weniger bequem als mit einem Bus.

Rino: Es ist insgesamt viel anstrengender.


Welches Land/Region hat es euch am meisten angetan?

 

Rino: Die Frage kann ich so nicht beantworten, ich finde die Frage nicht gut. Frag das nie einen Weltreisenden! Ich würde die Frage umformulieren, frag mich nach den schönsten Strände, Bergen, Essen, Strecken, aber nicht allgemein!!


Also, welche Länder/Regionen waren zum REISEN am schönsten? Und wo könnt ihr euch vorstellen zu LEBEN? Gibt es da Unterschiede?


Marina: Reiseland: Peru!

Rino: Zumindest mit unserer Reiseart! Land zum Leben: nicht Peru! Argentinien, Kolumbien, evt Equador, evt Paraguay-….

Marina: Zwar nein, die Parguayer sind eher reserviert, die indigene Bevölkerung spricht die Sprache Guarani und eine Integration stelle ich mir sehr schwierig vor… uuund Italien könnte ich mir auch vorstellen!


Dann ein paar Fragen, die ihr einfach spontan beantworten könnt ohne gross nachzudenken:

Wo hat euch das Essen am meisten geschmeckt oder welches ist euer Lieblingsgericht?


Marina: …… Brasilien!

Rino: Peru oder Brasilien! Ein Gericht mit Crevetten (Camaraõ) mit Palmöl war mein Lieblingsgericht in Brasilien


Lieblingsstrecke?


Rino: ……die unendliche Bergstrasse in Peru durch die Anden zwischen 3000-5000 m ü. M.!


Lieblingsstadt?


Marina: …… hmmmmm Stadt??? haben wir eine… räusper… können wir nicht beantworten. Wir sind keine Städtegänger. Hmmmm Lima hatte coole Viertel, Buenos Aires auch, aber sind halt alles Städte. Evt Cordoba, weil wir den grössten Bezug haben. Wir haben fast alle Hauptstädte besucht, aber immer nur weil wir mussten (Motorradteile besorgen oder so).

Rino: Nach Cusco gingen wir freiwillig, ist auch sehr herzig aber seeeehr touristisch!


Lieblingsort zum Zelten?


Rino: …...Atacamawüste oder peruanische Anden über 3500 m ü. M.

Marina: Also ich finde DEN Lieblingsort war in Chile bei der Atacamawüste neben heissen Quellen und einem Fluss, mitten in der Wüste auf 4200müM, ganz allein, mit einem heissen Fluss, im dem man am morgen früh, wenn es noch unter Null Grad hat, baden kann...


Und wo hat es euch weniger gefallen?


Rino: Der Norden von Brasilien war schwierig, man konnte nirgends frei stehen (Zelten), es war super heiß. Und Zeltplätze gabs auch kaum… und sonst Patagonien! Der scheiss Wind!


Ein lustigstes Erlebnis?


Rino: Eher ein lustiger Zufall: Wir haben im Süden von Chile während einem längeren Aufenthalt soooo viel über einen älteren deutschen Bergsteiger «Hans» gehört, aber leider nie getroffen, weil er gerade unterwegs war. Monate später im Norden in einem kleinen Fischerdorf am Meer, haben wir eine Pause gemacht und als wir gerade weiterfahren wollte kam einer auf uns zu, weil er uns deutsch sprechen hörte… es stellte sich schnell heraus, dass das der Hans war! Einer der spannendsten Begegnungen mit einem faszinierenden Mann auf der Reise!


Schlimmstes Erlebnis?


Marina: ……mein Sturz in der Atacamawüste: Sturz im Tiefsand auf 4500 m ü. M., kein Handyempfang, Töff nicht mehr lenkbar, und meine Schulter schmerzte unglaublich.

Rino: Ich bin dann losgefahren um Hilfe zu holen.

Marina: Die Zeit als ich dort im Schatten des Motorrads unter gleissender Sonne, mit schmerzender Schulter sass, Rino unterwegs und ich wusste nicht wie lange es dauern wird bis er zurückkommt… das war eine schwierige Situation.


Was hattest du genau, wie ging es weiter?


Marina: Rino fuhr zurück, bis er Handyempfang hatte und organisierte jemanden der den Töff holen konnte. Zum Glück waren wir da schon lange auf einem Campingplatz und hatten gute Kontakte. Der Schmerz in meiner Schulter liess dann auch allmählich nach und ich merkte, dass wohl alles in Ordnung ist und die Schmerzen von der Prellung oder dem wieder Einkugeln der Schulter kam.


Generell über die Reise: Was ist einfacher als vorgestellt, was schwieriger?


Marina: Die ganze Formalitäten über Grenzen und Versicherungen waren nicht so eine Sache und gut organisierbar und einfacher als vorgestellt.

Rino: Schwieriger sind die fehlenden soziale Kontakte. Schwieriger und anstrengender sind auch die täglichen Entscheidungen über den weiteren Verlauf, die tägliche Route wohin und wo übernachten.


Habt ihr auf der Reise etwas spezielles ausprobiert?


Rino: Tiefsandfahren mit dem Töff! Huskytraining, Arbeiten mit 50 Schlittenhunden.

Marina: Keine Drogen ;-)!

Rino: Generell die Einsätze als Workaway waren immer neue Erfahrungen!


Huskytraining, erzählt mir mehr:


Marina: Im Süden von Chile wurden wir angefragt für eine Wintersaison mit über 50 Schlittenhunden. Wir haben die Hunde trainiert, kiloweise Scheisse zusammengetragen und dann aber auch trainiert.


Ohne Schnee?

Marina: Mit einem Quad ohne laufendem Motor, 6-10 Hunde wurde vorne dran gespannt und dann sind wir Runden gefahren. Die Hunde gehen schon echt ab, ist beeindruckend so etwas zu erleben.


Und kam der Schnee? 

Marina: Das Ziel war am Schluss 2-3 Monate weiter oben im Schnee auf dem aktiven Vulkan Villarrica zu trainieren und mit Touristen Touren zu fahren. Aber der Schnee kam nicht…. Das erste Mal seit 15 Jahren (mittlerweile gab es einen zweiten schneefreien Winter in diesem Gebiet).


Noch ein bisschen zum Motorrad und Ausrüstung:

Was sind eure Lieblingsteile, welche Teile der Ausrüstung haben euch so richtig überzeugt?

Und was eher nicht?


Rino: Überzeugt haben uns der Bezinkocher und das Pfannenset, also unser Kochequipment! Die Softpannier von Mosko (Motorradtaschen)! Der Tankrucksack und die Taschen von Enduristan… Eigentlich das ganze Softgepäcksystem!

Marina: Weniger kuul ist das Thema Mätteli: Insgesamt haben wir elf Mätteli auf der Reise durchgelassen! Hauptproblem war immer Blasenbildung oder Luftverlust ohne Loch oder Ventilundichtigkeit...


Die Diskussion über welches Motorrad ist unendlich, aber einfach kurz die Hauptfrage: Ihr seid mit einer Kawasaki 650 Versys und BMW R1200GS unterwegs, was ist toll an den beiden Motorrädern? Was weniger? War es für euch ein Vorteil/Nachteil/egal dass ihr unterschiedliche Motorräder habt (abgesehen davon, dass man nimmt was man hat)?


Marina: Der Vorteil ist: beide Motorräder sind für einfache Schotterstrassen geeignet, aber auch auf Strassen machen sie Spass! Nachteil ist das hohe Gewicht und bei der Versys eher begrenzte Offroadeignung (wegen kleinem Vorderrad, wenig Federweg, die Gesamtgeometrie ist weniger dafür ausgelegt) aber für den Reisegebrauch immer noch mehr als genügend.

Rino: Der grösste Nachteil bei der GS sind die teuren Ersatzteile, immer Spezialanfertigungen von BMW.

Marina: Der Nachteil unterschiedlicher Motorräder ist, dass man etwas mehr Werkzeug mitnimmt. Zum Beispiel Inbus und Torx, verschiedene Zündkerzenschlüssel ... Aber grundsätzlich sind wir mit beiden Motorrädern sehr zufrieden. Ich habe vorhin so schlecht über mein Motorrad gesprochen, da es Probleme machte, aber schlussendlich scheint es nur der Umkippsensor gewesen zu sein und wir haben einfach nicht daran gedacht, dass dies das Problem darstellen könnte. Es sind beide sehr zuverlässige Motorräder und auch wenn vor allem die Versys nicht gerade Nummer eins der Reisemotorräder ist, bin ich absolut zufrieden. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es viele Reisende gibt, die Strassen fahren, die mit der Versys nicht möglich wären. Wir fahren sehr viel Schotter und offroad und hatten nie Probleme. Man muss mit der Versys einfach ein bisschen mehr drauf arbeiten und sanfter mit ihr umgehen.


Ihr habt ja ein paar Sachen auch selber gemacht, was ist in Eigenbau entstanden (am Motorrad, an der Ausrüstung)? Und welche Dinge davon haben euch selber so richtig begeistert?


Rino: Sämtliche passgenauen Täschli für das Gepäck sind super praktisch um Ordnung zu halten und das Zeug schlau zu verstauen. Am Motorrad haben wir die Lampenschutzgitter und natürlich meine Axt- und Spatenhalter selbst gemacht – die sind super praktisch! Und die Geberitrohre als Stauraum!

Wir hatten schon die Erfahrung der vorderen Reisen und wussten was wir wollten!


Welche Länder/Regionen waren perfekt mit dem Motorrad, wo würdest du eine andere Reiseart wählen und welche?


Marina: Für Brasilien an die Küste würde ich eine andere Reiseart wählen, am liebsten einen Bus mit Klimaanlage! Mit dem Motorrad ist es einfach zu heiss und mit dem Bus könnte man an der Küste andauernd halten und baden.

Anmerkung d.Red: Nur zum erklären für die, die keine Vorstellung davon haben, was es heisst mit dem Töff in der Hitze zu reisen: Du schwitzt dir einen ab in der Schutzkleidung, aber um baden zu gehen müsstest du 20 Minuten lang alles ausziehen und dein Badezeug herausholen. Dann kann nur einer baden gehen und der andere muss auf die Töffs und Ausrüstung aufpassen. Dann kommst du zurück, salznasse Haut, pellst dich wieder in die Ausrüstung und wenn du fertig bist, bist du schon wieder klatschnass vor lauter Schweiss!!! Juhuii!


Ihr seid eher lowbudget unterwegs, was heisst das genau, wo wirkt sich das aus und auf was verzichtet ihr trotzdem nicht oder was gönnt ihr euch zwischendurch?


Marina: Möglichst wenig bezahlte Unterkünfte. Beim Essen heisst das meistens selber kochen und wenig Fleisch, Milchprodukte, Alkohol und selten oder eher nie teure Touristenattraktionen…..

Es ist aber schon nicht so, dass wir auf alles verzichten. Ab und zu gönnen wir uns schon was, vor allem im kulinarischen Bereich (Restaurant oder Bier) und selten mal eine Unterkunft mit Küche zum Energie zu tanken und zu entspannen.


Wart ihr mal krank auf der Reise?


Rino: Ja, aber eigentlich sehr selten und wenn dann vor allem Magendarm!

Marina: Ich mal richtig in Brasilien bei einem Workaway, Rino auch bei einem Workaway und dann hatte er auf dem Schiff auf dem Amazonas kurz und heftig Magendarm.


Auf welches Gadget oder Lebensmittel möchtet ihr gar nicht verzichten?


Rino: Bei Marina ist es der Kaffeekocher! Bei mir das Töffwerkzeug damit ich nicht abhängig von Mechanikern und Werkstätten bin!


Ihr seid ziemlich unterschiedliche Typen, wie hat sich das auf eure Reise ausgewirkt? Wie ist eure Aufgabenaufteilung ? Hat sich diese verändert?


Marina: Bei den meisten Sachen machen beide mit oder Teile davon. Ich versuche zum Beispiel auch an meinem Töff zu schrauben und übernehme die Verantwortung über mein Fahrzeug.

In Zeiten wo es anstrengender ist, wird die Rollenaufteilung klarer. Aber es gibt auch Dinge, wo wir eine klare Aufteilung haben, wie zum Beispiel der Onlineauftritt, der läuft über mich. Die Fotos sind eher Rinos Business. Kochen tun wir gemeinsam.

Rino: Töff ist tendenziell mein Bereich. Im Administrativen (Grenzen, Versicherungen) hat der Lead eher Marina. Reiseroute und Orte, Übernachtungsplätze wechselt sich total ab. Wir sind insgesamt sehr breit und flexibel unterwegs.



VORHER, NACHHER – WAS HAT DIE REISE BEI EUCH BEWIRKT?  


Welche Erfahrungen haben euch geprägt? Hat es eure Sicht aufs Leben verändert? Habt ihr euch persönlich verändert, sieht ihr Dinge anders, habt ihr eine andere Einstellung zu gewissen Dingen….?


Rino: Ich glaube verändert hat sich vieles…

Marina: also vor allem die Einstellung. Ich würde sagen wir sind offener und flexibler geworden, weil man sich ständig anpassen muss.

Rino: Ich glaube das ist etwas, was viele Reisende so erleben.

Marina: Ich haben nicht mehr so einen «engen Blick» aufs Leben (gerade in der Schweiz hat mich diese Sichtweise schon etwas geprägt). Ich lernte auch ein Teil vom südamerikanische Lebensstil anzunehmen so à la «go with the flow», das Leben verläuft nicht geradlinig, es gibt konstante Veränderungen und die erfordern laufende Anpassung an die aktuelle Situation.

Rino: Gerade beim Ausprobieren im Leben bin ich offener geworden. Auch der Begriff «scheitern» sehe ich nicht mehr negativ oder besser gesagt finde ich diesen Begriff auch nicht gut. Es geht ums Ausprobieren, mal links mal rechts vom «Weg» und nicht einfach eine Leiter/Treppe (Karriere?) rauf und wenn die Pension kommt gehts runter ;-) (Augenzwinkernd, aber es trifft halt auch bei vielen zu).

Aber natürlich hat dies auch damit zu tun, dass man in der Schweiz für alles einen Ausbildungsnachweis braucht. Unser gutes Bildungssystem hat aber natürlich viele Vorteile (gerade im Ausland sind wir sehr gefragte Arbeitskräfte, vor allem als Handwerker) wie eben auch Nachteile.

Flexibel wird man auch gezwungenermassen, weil man einfach auf vieles wartet. Gerade bei Ämter oder auch auf Arbeiter /Unternehmen, wenn man jemanden bestellt heisst «mañana» nicht, dass er morgen oder übermorgen kommt. Und dies ist wirklich allgegenwärtig und es macht keinen Sinn sich zu ärgern und auch auf keinen Fall Druck zu machen, denn dann kommt er oder sie gar nicht mehr.

Marina: Ein weiteres Beispiel sind auch Einladungen: Hier verschickst du eine Einladung zu einem Fest eine Woche vorher. Wenn du diese 3 Monate vorher verschickst kommt niemand, das ist einfach zu weit weg. In der Schweiz ist es umgekehrt, eine Woche vorher musst du niemanden mehr fragen, da sind alle verplant.


Gab es spezielle Erlebnisse, Begegnungen die bei euch was bewirkt haben?


Marina: Der Hans!

Rino: Seine Aussage war «er hat nie nach dem Geld gesucht, das Geld kam immer zu ihm». Das sagt vieles über seine Einstellung aus. Er hat einfach sein Leben gelebt und verschiedene Sachen gemacht, was der Moment gerade erfordert hat und was er wollte… ein Lebenskünstler halt. Das war sehr inspirierend.

Marina: Die Begegnungen bei den Workaways (Arbeit gegen Kost und Logie). Sie alle haben etwas aus Überzeugung gemacht und nicht weil sie mussten.


Wie hat die Reise euch als Paar geprägt? Was war toll, was war schwierig? Hat sich was verändert?


Marina: Am Anfang war es echt schwierig, wir waren während der Coronapandemie unterwegs und dieser Druck ständig nach Lösungen zu suchen und so isoliert zu sein. Wir gingen total anders damit um, für mich war Rino eher zu passiv (er lebt mehr im Moment, was eigentlich auch sehr positiv ist) und ich bin total anders damit umgegangen, ich wollte wissen wie weiter und vorausdenken.

Rino: Wenn etwas nicht mehr ganz stimmt, muss bei Marina auch sofort eine Veränderung her (das heisst auch örtlich). Ich kann mich aber besser mit der Situation im Moment abfinden und überlegen, was machen, wenn Marina schon lange und sofort eine Handlung braucht.

Marina: Aber damit haben wir natürlich auch gelernt mehr zu diskutieren, wir haben einander nochmals besser kennengelernt, wie wir ticken. Man kann der Situation und der Diskussion nicht aus dem Weg gehen, wenn man zu zweit irgendwo unterwegs ist. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, ich sehe mich sehr als Individuum und habe eine Partnerschaft, das wirkte sich so aus, dass ich vor der Reise selten von WIR gesprochen habe sondern nur in der ICH-Form. Und das hat sich verändert, heute hat das WIR mehr Platz. Es ist auch klar, wir sind gemeinsam unterwegs, teilen 24h den Alltag zusammen und leben ein GEMEINSAMES Projekt.

Und gerade unser Vorhaben für die Zukunft bringt mich gefühlt in eine grössere Abhängigkeit von Rino und diese Vorstellung machte mir vor der Reise sicher viel mehr Mühe als jetzt.

Die Abhängigkeit auf Reisen ist gross, klar haben wir zwei Fahrzeuge, aber wir teilen die ganze Ausrüstung, eine Trennung (auch nur temporär) wäre recht aufwendig und kompliziert, deswegen sind wir eigentlich immer gemeinsam unterwegs.


Was ist toll und was ist schwierig daran als Paar zu Reisen? Quick and dirty!


Marina: Die individuellen Ideen und Vorstellung zusammenzubringen kann schwierig sein, Kompromisse sind gefragt. Das Schöne ist die Erlebnisse zu teilen, und auch wenn es mal schwierig wird, ist man nicht allein.

Rino: Es ist Fluch und Segen: man entscheidet gemeinsam, KANN Entscheidungen gemeinsam besprechen und absichern. Aber gleichzeitig MUSS man auch.



Worüber seid ihr beim anderen froh/dankbar? Was nervt euch gegenseitig am meisten?


Marina: Über Rinos technische Fähigkeiten! Rino hat die Ruhe, wo ich sie manchmal nicht habe. Auch im technischen Bereich hat er eine riesige Geduld und einen langen Atem um Probleme zu lösen. Was mich nervt ist das Thema Fotobearbeitung: Ich brauche die Fotos für die Berichte für die Webseite und Rino hinkt mit der Bearbeitung immer hinten nach. Und wenn ich was sage, wird er hässig.

Rino: Ich finde wir ergänzen uns sehr gut in Fähigkeiten und Charaktereigenschaften. Ich repariere den Töff, du die Kleider. Wenn ich keine Lust habe, machst du etwas und umgekehrt. Ich bin manchmal eher passiv und du pusht uns zum weiterdenken, ich hole dich wiederum etwas runter wenn es dich fast zerplatzt… etc. Mich nervt manchmal deine bevormundende bemutternde Art… zum Beispiel bezüglich Fotobearbeitung ;-) …


Viele Beziehung werden bei einer Reise auf die Probe gestellt und entweder wird sie gefestigt oder geht dann auseinander, gab es solche Proben bei euch?


Rino: Die ganze Anfangsphase, vor allem die Zeit in Chile war schwierig (wie schon oben erwähnt während der Pandemie).

Marina: Im Gegenteil war die Zeit in Argentinien schön und festigend für unsere Beziehung. Wir merkten beide gleichzeitig aber unabhängig voneinander in welche Richtung wir weiter wollen und es war die gleiche Idee. Das war ein schöner Moment für unsere Beziehung.


DAS ENDE DIESER REISE HEISST NICHT UNBEDINGT ZURÜCK IN DIE HEIMAT...


Teil 2 des Interviews folgt...

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