Wenn reisen Alltag wird

Für viele Menschen ist das, was wir machen ein Traum, der sich nur in wenigen Fällen erfüllt. Es ist ein Traum, den viele haben, vom ewigen Urlaub und vom perfekten Leben auf reisen. Nur was passiert, wenn reisen Alltag wird und man merkt, dass es eben nicht wie Urlaub ist?

Vor einer Reise haben alle, wir inklusive, all die schönen Bilder im Kopf, die man vom Reisen so sieht. Wundervolle leere Strände, immer Sonnenschein und warme Temperaturen, perfekte Strassen, schöne Übernachtungsplätze und freundliche, warmherzige Einheimische, die einen mit offenen Armen empfangen. Wenn man das jeden Tag im Jahr hat, dann muss das Leben doch perfekt sein, oder nicht? Die Frage dabei ist mehr, was ist ein perfektes Leben? Denn diejenige Person, die uns gesagt hat, dass das Leben aus purer Freude und Leichtigkeit besteht, hat definitiv gelogen. Meiner Meinung nach besteht das Leben aus Herausforderungen und Hürden, die es zu überwinden gibt. Jeder dieser Herausforderungen und Hürden positiv zu begegnen und etwas Sinnvolles daraus zu machen, ist wahrscheinlich das Schwerste dabei. Und wie es im normalen Alltagstrott so ist, ist es auch auf Reisen. Bei den meisten Reisenden sind die ersten Monate, oder sogar das erste Jahr das einfachste. Man startet mit komplett neuer Ausrüstung und hat sich mal eine Rute ausgedacht und geplant und alles dafür organisiert. Man kann los fahren und dem Plan folgen. Die Ausrüstung hält, das Fahrzeug ist top in Schuss und man hat vielleicht schon Ersatzteile und Reifen von Zuhause aus organisiert und braucht nur den Plan in die Tat umzusetzen. Doch auch bei diesem perfekten Szenario, werden einige Probleme und Stolpersteine auftauchen, mit denen man nicht gerechnet hat. Sobald dann aber die Ausrüstung langsam älter und anfälliger wird, nicht mehr alle Ersatzteile verfügbar sind, einige Teile am Fahrzeug notdürftig repariert werden müssen und man von unterwegs mit ultra langsamen Internet die Weiterreise und Ersatzteile organisieren muss, fängt die Idylle langsam an zu bröckeln. Und plötzlich steht man vor einem gleich grossen Haufen von Dingen, die man erledigen und organisieren muss, man aber überhaupt nicht weiss, wie dies zu machen ist, da man die Sprache nicht spricht und überhaupt nicht weiss, wie das Land funktioniert. Ausserdem passieren die unvorhersehbaren Dinge bekanntlich nicht im besten Moment und alles braucht ausserhalb von Europa extrem viel mehr Zeit.

Und da beginnt das Reisen Alltag zu werden. Die Checklisten tauchen wieder auf und es beginnt anstrengend zu werden. Dazu kommen die Dauerbelastungen wie: wo schlafen wir heute, wo können wir einkaufen, wo gibt es Benzin, reicht es bis zur nächsten Tankstelle, in welchem Zustand sind die Strassen, welchem Wetter sind wir ausgesetzt, usw. Und zu guter Letzt kommt noch das Thema Partnerschaft hinzu. Auf der einen Seite ist es super, einen Reisepartner zu haben, mit dem man all die tollen Erlebnis teilen kann und auf den man sich in schwierigen Situationen verlassen kann. Andererseits ist es eine grosse Herausforderung 24/7 beieinander zu sein und alles zusammen entscheiden zu müssen. Einen Rückzugsort gibt es meistens nicht und man muss miteinander auskommen und entscheiden, auch wenn die Nerven komplett blank liegen.

Doch es sind die kleinen Momente, die uns die Strapazen, den Dreck im Gesicht und die peitschenden Wassertropfen auf dem ganzen Körper vergessen lassen und um ehrlich zu sein, gibt es viele von diesen kleinen Momenten. Wenn der Regen auf das Zeltdach prasselt (hoffentlich kommt kein Sturm auf) und man sicher und warm verpackt im Schlafsack liegt und man mit den ersten Sonnenstrahlen die Augen öffnet, dann weiss man, das man lebt. Reisen ist anstrengend und hat überhaupt nichts mit ewigem Urlaub zu tun, aber man spürt, dass man lebendig ist und ein Teil des Ganzen ist. Mit einem guten Schuss Naivität und Leichtsinn und zumindest dem Versuch alles nicht mehr so streng anzusehen und auf das Gute zu vertrauen, ergeben sich plötzlich neue Chancen und Möglichkeiten die Checkliste doch noch abzuarbeiten, damit man weiter voran kommt. Und übrigens, wir haben nie Urlaub ;-)




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