Mit anderen Augen sehen

Aktualisiert: 15. Aug.

Durch das Reisen sieht man die Welt mit anderen Augen. Es ist ein Klischee und doch trifft es für uns absolut zu.

Vor nicht allzu langer Zeit sind wir tagelang durch Ackerland gefahren. Rechts und links neben der Strasse gab es nur Soja und Maisfelder soweit das Auge reicht. Tagelang gab es nichts anderes. Während ich so dahin fuhr und mich etwas langweilte, begann ich mir über das, was ich sehe Gedanken zu machen. Ich überlege mir, was diese tausenden von Hektaren an Soja und Mais bedeuten. Für das Land, die Bevölkerung, die Natur, die Tiere und für unsere Zukunft. Die selben Gedanken machte ich mir, als ich einige Zeit zuvor durch subtropische Wälder gefahren bin. Ich schaue mir die Häuser an, kaufe in kleinsten Läden unsere Lebensmittel und lasse mich auf lokale Produkte ein, versuche mit den Leuten in Kontakt zu kommen und vor allem versuche ich mit offenen Augen unterwegs zu sein. Und ich merke, dass all diese kleinen, unscheinbaren Orte viel mehr in mir auslösen, als jede Sehenswürdigkeit, die man heutzutage so schön serviert bekommt. Die Iguazu Wasserfälle zum Beispiel, die absolut atemberaubend und spannend sind, sind zwar schön anzuschauen und auch da gibt es einige Gedanken, die man sich machen kann, aber sie lösen in mir nicht all diese Fragen aus.



Es sind Fragen über die Gesellschaft, über das Leben, über den Vergleich zwischen Europa und Südamerika und ich merke, dass es zu all diesen Fragen keine Antworten gibt. Es sind mehr Feststellungen und Überlegungen, die ich mir zu dieser Welt, in der wir leben, mache. Wie wir mit uns und unserer Umwelt umgehen, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, welche Werte sie hat, wie mit der Bevölkerung umgegangen wird und wie wir mit uns selbst umgehen. Das Spannende dabei ist, dass es dabei kein Gut und Böse oder Richtig und Falsch gibt. Was ich für richtig halte, ist vielleicht gar nicht richtig, oder es passt einfach nicht zu einem anderen Ort. Meine Werte und Vorstellungen basieren auf der Kultur und Umwelt in der ich aufgewachsen bin und sie basieren auf dem, was ich gelernt habe und mir beigebracht wurde. Hier in Südamerika werden andere Werte und Vorstellungen vermittelt, es gibt andere Regeln, Gesetze und Art und Weise Dinge anzupacken. Jede Kleinigkeit, die von dem abweicht, was ich mir gewohnt bin, regt zum Denken an, nicht nur über den Ort hier, sondern auch über mein Heimatland die Schweiz. Nichts auf dieser Welt ist einfach so, wie es ist und ich finde es extrem spannend diese Dinge zu erkunden. Ich kann sie aber nicht nur von aussen erkunden und wahrnehmen, sondern ich muss mich auf sie einlassen und ein Teil davon werden. Dies empfinde ich nicht immer einfach, da nicht immer alles meinen Werten und Vorstellungen entspricht. Aber es lehrt mich flexibel zu sein und ich merke immer wieder, dass es auch andere Möglichkeiten gibt an etwas heran zu gehen und das Endresultat mindestens genau so gut, wenn nicht sogar besser ist. Dann muss ich über meinen Schatten springen, mein teilweise zu grosses Ego in die Ecke stellen und mir eingestehen, dass es noch andere Varianten gibt.

Für mich ist das Spannende beim Reisen nicht all die schönen Dinge, die man sieht, sondern all die kleinen, alltäglichen Dinge, die einfach anders laufen als Zuhause. Denn all diese kleinen oder manchmal auch grossen Dinge, haben mehr mit der Kultur und der Gesellschaft und mit mir zu tun, als man auf den ersten Blick sehen kann. Mit etwas Neugier, Offenheit und einigen Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung lernt man plötzlich wegen einer Kleinigkeit sehr viel über die fremde Kultur und schlussendlich über sich selbst.


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