Einfach mal Sein



(Dieser Text wurde in San Pedro de Atacama geschrieben, wo wir über 2 Monate auf ein Paket gewartet haben.)

Als ich vor einigen Tagen mit meiner Mutter telefoniert habe, hat sie mich gefragt, ob mir nicht langweilig sei, wenn ich den ganzen Tag nichts zu tun habe. Nach dieser Frage machte ich mir das erste Mal wirklich Gedanken zu diesem Thema. Und ich erkannte, sie hat irgendwie recht. Wir sind im Moment wieder einmal seit längerer Zeit, mehr oder weniger gezwungenermassen, an einem Ort und haben eigentlich nicht wirklich etwas zu tun. Ich würde mich als Menschen bezeichnen, der immer eine Beschäftigung braucht. Was genau, spielt meist nicht so eine Rolle. Hauptsache ich habe eine sinnvolle Beschäftigung, die mir Spass macht. Und doch kann ich einfach hier sein und nicht viel tun. Es ist ja nicht so, dass ich den ganzen Tag nichts mache, aber es sind eben kleine Beschäftigungen, die den Tag ausfüllen und immer wieder gibt es einige Stunden, in denen ich nichts zu tun habe. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich keine To Do Liste, die ich abarbeiten sollte, sondern ich habe einfach Zeit um zu sein. Ich habe Zeit, mich mit den Dingen zu beschäftigen, die mich interessieren. Ich habe Zeit dann aufzustehen und ins Bett zu gehen, wann ich möchte. Ich habe Zeit einen ganzen Tag zu schnitzen, ein Buch zu lesen, einfach nur da zu sitzen oder sonst etwas zu tun, was ich in dem Moment machen möchte. Ich frage mich, woher das kommt, dass ich plötzlich fähig bin zu sein. Ohne innere Unzufriedenheit und schlechtes Gewissen, dass ich ja etwas machen müsste.

Ich glaube, wir haben in unserer Gesellschaft verlernt zu sein. Wir spüren uns kaum mehr, wir rennen nur noch herum, um unsere Listen abzuarbeiten und hoffen, dass wenn wir irgendwann mal am Ende der Liste angelangt sind, mal etwas Zeit für uns haben. Immer wenn ich kurz vor Ende der Liste war, kamen wieder viele neue, unerwartete Dinge hinzu, sodass sie wieder zu ihrer ursprünglichen Grösse anschwoll. Auch warten fällt vielen von uns schwer. Wir sind gestresst, da wir das Gefühl haben, dass wir die Zeit sowieso hätten viel sinnvoller nutzen sollen. Um doch noch irgendwie zu Entspannung und Zeit für uns zu kommen, stressen wir uns in den nächsten Yoga- oder Meditationskurs , und die vier Wochen Ferien im Jahr, geben uns schlussendlich auch nicht das, was sie uns geben sollten.

Und ich habe hier den grossen Luxus und habe einfach Zeit. Aber ehrlich gesagt, habe auch ich all dies im Hinterkopf, was ich gelernt und selber viele Jahre gelebt habe. Und doch schaffe ich es immer mehr, mich davon zu lösen. Es ist mir wichtig, meine Zeit sinnvoll zu nutzen, was aber nicht heisst, dass man immer geplant etwas machen muss. Ein sehr lieber Freund von mir hat mal gesagt, dass er Langeweile als etwas Gutes anschaut, denn die Langeweile bringt den Raum etwas Neues entstehen zu lassen. Ich finde diese Idee sehr schön und ich denke, es braucht Übung, damit man die Langeweile als etwas Positives anschauen kann. Ich merke, dass ich in einem Lernprozess bin und jetzt erst, nach einem Jahr Reise anfange, die Dinge anders zu sehen. Ich nutze die Zeit gerne, mich mit mir selbst auseinander zu setzen, in mich hinein zu hören, mich selbst besser kennen zu lernen und mich immer besser anzunehmen. Ich habe mir den Luxus geschaffen mit der Sonne aufzustehen und den Tag nach meinen Vorstellungen gestalten zu können.

Ich wünsche mir, dass wir lernen uns diese Zeit zu erschaffen, um sich selbst wahr zu nehmen und aus der Zeit etwas Sinnvolles und Schönes zu machen. Die Schönheit des Lebens besteht nicht in einen vollen, sondern in einen leeren Terminkalender. Damit am den Tag mit dem füllen kann, was an diesem Tag gut tut und Freude bereitet.

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