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Brasilien 2022

2 Kokosnuss, Flipflops und Caipirinha

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Kokosnuss an der Copacabana

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Kokosnuss an der Copacabana

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Jeder kennt Brasilien wahrscheinlich wegen der Fussballmannschaft, aber auch da es als fröhliches Land gilt, wo überall Karneval herrscht, Samba getanzt wird und man den ganzen Tag mit Flipflops am Strand entlang läuft und Caipirinha trinkt. Ein Traumland, das auch viele Auswanderer anlockt. Was gäbe es schöneres, als eine Strandbar in Brasilien?

Auch uns zogen die Geschichten und Bilder der Strände in Richtung Küste. Als wir nach fast zwei Monaten in Brasilien endlich ans Meer kamen, waren wir überwältigt. Wir waren zwischen den zwei grössten Städten Brasiliens und fanden fast unberührte Natur, tropische Wälder, die bis ans Meer, ja schon fast ins Meer reichten, weisse, kleine Sandstrände, die häufig nur zu Fuss durch Waldwege erreichbar waren und glasklares, warmes Wasser. Das erste Mal auf unserer Reise war das Meerwasser genügend warm um baden zu gehen. Und das im tiefen Winter! Wir fühlten uns im Himmel! Auch die Küstenstrasse machte richtig Spass, da es eine kurvenreiche, gute Strasse durch Wälder am Meer entlang war. Immer wieder konnte man einen Blick auf einen dieser kleinen, nahezu perfekten Sandstränden erhaschen, bevor der Blick wieder in den tropischen Wald ging, wo man überall uns unbekannte Pflanzen bestaunen konnte. Und das so nahe an zwei Grossstädten!

São Paulo und Rio de Janeiro liegen nur rund 400km auseinander und gehören beide mit ihren 11.5 Mio. und 6.5 Mio. Einwohnern zu den Megastädten dieser Welt. Andreas Wunn, ein deutscher Schriftsteller, beschreibt in seinem Buch 'Brasilien für Insider' die beiden Städte auf eine sehr interessante Weise: „Wären beide Städte Schwestern, so wäre São Paulo die Fleissige, die alles richtig macht, früh aufsteht und in Pumps und Kostüm effizient ihren Arbeitstag managt und abends in die Oper geht. Sie wäre die elegante und erfolgreiche Schwester, die von allen respektiert wird. Rio hingegen wäre diejenige, die von allen geliebt wird. Nicht weil sie so erfolgreich ist, sondern weil ihr durch ihre Schönheit und ihren Charme alles zufliegt. Sie lässt sich treiben, arbeitet ein wenig, aber hat immer den Strand im Blick. Abends trifft sie sich in Havaianas und leichtem Sommerkleid spontan mit Freunden auf der Strasse. Vielleicht spielt eine Sambaband bis tief in die Nacht. Aber das macht ihr nichts aus, denn sie muss am nächsten Tag nicht früh raus.“
Auf unserer bisherigen Reise haben wir meist versucht Städte zu vermeiden, aber die von uns benötigten Ersatzteile und gute Mechaniker, sind meistens nur dort zu finden. Und da wiedermal eine Reparatur bevorstand, entschieden wir uns in die Stadt der schönen und charmanten Schwester, Rio de Janeiro zu gehen und dort bei Rino's Motorrad das hintere Radlager wechseln zu lassen.

Schon Wochen zuvor begannen wir die notwendigen Ersatzteile zu organisieren. In allen bisherigen Ländern wurde uns gesagt, dass man in Brasilien alles bekommt und es dort einfach sei Dinge zu organisieren. Doch einmal mehr sahen die Dinge dann vor Ort anders aus. Sämtliche BMW Händler, die wir bis jetzt in Südamerika kontaktierten, hatten offensichtlich kein Interesse Ersatzteile zu verkaufen und waren auch meist nur bedingt hilfsbereit. Dies ist auch hier in Brasilien so. Ausserdem hat Brasilien sehr hohe Importzölle, sodass die Ersatzteile hier etwa das Dreifache wie in Europa gekostet hätten. Durch den Kardanantrieb der BMW ist ein Radlager wechseln eine etwas kompliziertere Angelegenheit und auch die Teile, die man dafür benötigt, sind nicht so günstig, wie bei einem Motorrad mit Kettenantrieb. Um Kosten zu sparen, organisierten wir die Ersatzteile aus Paraguay und liessen sie uns über einen Grenzort nach Rio de Janeiro senden. Leider klappte dies hat nicht so reibungslos wie gedacht und so hatten wir nach 4 Wochen immer noch keine Ersatzteile. Da die Bank in Paraguay 45 Dollar unseres Geldes an Bearbeitungsgebühren behalten hatte, sollte ein Teil weniger kommen, welches wir in Brasilien organisieren mussten. Um die Zeit zu überbrücken, bis die Teile endlich ankamen, wollten wir von São Paulo aus langsam in Richtung Rio de Janeiro fahren. Wir waren schon oberhalb von Rio de Janeiro und versuchten krampfhaft, das noch fehlende Ersatzteil zu organisieren, als es plötzlich in São Paulo bei einem Händler verfügbar war. Bei allen anderen Händlern hätte es mindestens 4 Wochen Lieferfrist benötigt. Also entschieden wir uns doch noch in die Stadt der erfolgreichen und effizienten Schwester, São Paulo zu fahren. Wie es der Zufall so will, fanden wir eine günstige kleine Wohnung mit Parkplatz ganz in der Nähe des Händlers, der unser Teil hatte. Es war eine hübsche kleine Wohnung in einem Hochhaus mit Blick über die Skyline von São Paulo. Von der Stadt haben wir eigentlich nichts gesehen, aber der Sonnenuntergang über dieser Skyline war wirklich spektakulär und eine solche Stadt mal zu sehen, was für uns wirklich speziell. São Paulo ist für uns eine Betonwüste, mit viel zu vielen Menschen und einem Verkehrschaos. Noch nie in unserem Leben haben wir so viele Helikopter gesehen. Diese sind entweder vom Militär oder der Polizei oder schlicht und einfach von den Superreichen dieser Stadt, die keine Zeit oder keine Lust für das Verkehrschaos auf den Strassen haben. Am nächsten Tag fuhren wir zum Händler und er hatte tatsächlich unser Ersatzteil. Da es eine gute Werkstatt zu sein schien (keine offizielle BMW) fragte Rino noch, ob sie Erfahrung mit einem Problem bei seiner Bremszange hätten. Nach kurzer Analyse, kamen sie auf den gleichen Schluss wie wir, nämlich dass die Bremszange ausgetauscht werden musste und organisierten innert einer Stunde eine gebrauchte Bremszange zu einem super Preis. Wir hatten schon Szenarien im Kopf, wie wir uns eine gebrauchte Bremszange aus Europa beschaffen könnten, da eine neue viel zu teuer war. Montiert war sie auch schnell und wir hatten nicht nur das benötigte Ersatzteil, sondern hatten ein weiteres Problem gelöst, das uns schon länger beschäftigt hatte. Wir waren absolut begeistert und guter Dinge, dass die anderen Ersatzteile auch bald ankommen würden.

Wieder fuhren wir an der Küste entlang Richtung Rio de Janeiro zu einem kleinen Häuschen, das wir uns für eine Woche gemietet hatten, um an einem schönen Ort auf die Ersatzteile zu warten. Wir genossen diese Woche sehr, obwohl das Wetter nicht so gut war und es häufig regnete. Nicht überlegen zu müssen, wo man am nächsten Tag übernachtet und einfach mal eine gute Küche und ein fixes Dach über dem Kopf zu haben, sind für uns ein Luxus und pure Entspannung. Wann immer das Wetter schön war, genossen wir die traumhaften Strände und das Meer. Auf unserer Reise haben wir uns ein striktes Alkoholbudget gesetzt (nicht mehr als 4 Fr. Pro Flasche Wein) und wir versuchen in jedem Land den Alkohol zu konsumieren, der am preiswertesten ist. In Argentinien ist das klar der Wein, in Chile und Paraguay tranken wir Bier. Hier in Brasilien ist der Cachaça, der Zuckerrohrschnaps mit dem man Caipirinha mixt, extrem günstig. Die Preise beginnen ab 2 Fr. pro Liter. Mit Limetten, die auch so gut wie nichts kosten und etwas Eis kann man sich für fast nichts einen Caipirinha mixen. So trinken wir also in Brasilien statt Bier oder Wein einfach Caipirinha. Wir sind ja anpassungsfähig. Rino hat sich sogar einen Limettenstössel gekauft, der jetzt aussen an seiner Seitentasche hängt.

Als wir das letzte Mal an den Strand gingen, stiess ich mir die kleine Zehe an einer Betonrampe und das knackende Geräusch und der darauf folgende Schmerz liessen darauf schliessen, dass die Zehe gebrochen war. Was mir schon lange im Reisegepäck fehlte, waren offene Schuhe. Und eine gebrochene Zehe bei konstanten 30 Grad in Turnschuhe zu zwängen, ist definitiv keine gute Idee. Die weltweit bekannten Havaiana Flipflops, die aus Brasilien kommen und hier wirklich jeder zu jeder Gelegenheit trägt, gibt es in jedem Supermarkt. Also humpelte ich auf dem Weg nach Hause im nächsten Supermarkt vorbei und kaufte mir ein Paar. Bis jetzt mochte ich Flipflops zwar nicht, aber mit einer gebrochenen Zehe sind sie wirklich super.

Am nächsten Tag ging es dann weiter nach Rio de Janeiro. Die Ersatzteile waren unterwegs und es konnte nur noch einige Tage dauern, bis sie ankamen. Spontan günstige Unterkünfte in grossen, touristischen Städten zu finden, die unseren Ansprüchen gerecht werden (Küche und sicherer Parkplatz an einer einigermassen guten Lage) sind schwer zu finden. Glücklicherweise fanden wir Fritz, der Sohn deutscher Auswanderer, der immer wieder seine Türe öffnet für Reisende, die mit Wohnmobilen einen Platz suchen. Auch uns nahm er auf und wir konnten bei ihm zelten. Während ich meinen Fuss hoch lagerte, fuhr Rino jeden Tag zum Motorradmechaniker und gemeinsam versuchten sie das Radlager zu wechseln. Es dauerte eine halbe Woche bis nur mal der Radhalter von der Achse runter war. Mit viel Kraft und Geduld und mehrfacher Reparatur des Werkzeugs war es dann endlich soweit und das Radlager konnte ausgetauscht werden. Die Arbeit wurde gut erledigt, jedoch hat Rino noch nie eine Motorradwerkstatt gesehen, die so unproduktiv war. Und wohlgemerkt sei dies die beste BMW Werkstatt in Rio de Janeiro! Wir fühlten uns an die zwei Schwestern, São Paulo und Rio de Janeiro erinnert. In São Paulo durften wir die effiziente und erfolgreiche kennen lernen, in Rio de Janeiro die charmante, die sich treiben lässt und nicht allzu viel arbeitet.

Wann immer Rino nicht beim Mechaniker am warten war, erkundeten wir die Stadt. Schon bei der ersten Tour gingen Rinos Flipflops, die schon mehrfach repariert waren und auch schon viele Jahre lang seine treuen Begleiter gewesen waren, kaputt. Zum Glück ist es in jeder brasilianischen Stadt nicht weit bis zu einem Havaiana Shop und gleich um die Ecke wartete einer darauf, Rino ein Paar neue Flipflops zu verkaufen. Dies war innert 2 Wochen schon unser drittes Paar Flipflops und wir fühlten uns langsam wie Einheimische. Wir begannen langsam in Badebekleidung und Flipflops zu leben. In mehr oder weniger diesem Outfit erkundeten wir Rio de Janeiro. Der Bus in die Innenstadt fuhr nur wenige Meter von unserer Unterkunft entfernt und die Busfahrer fuhren in halsbrecherischem Tempo die vielen steilen Kurven hinauf und hinab. Platz für entgegenkommende Fahrzeuge blieb da häufig nicht mehr und so erstaunte es uns nicht, als es fast eine Kollision mit einem uns entgegenkommenden Bus gab. Zum Glück traf es nur die Seitenspiegel und nicht mehr. Aber jedes Mal war es ein kleines Abenteuer, in diesen Bus zu steigen. Neben den bekannten und schönen Stränden, wie der Copacabana und Ipanema hat Rio noch viel anderes zu bieten. Die Lage dieser Stadt ist wahrscheinlich einzigartig. Umgeben von Urwald, mit vielen grünen Hügeln und Bergen, scheint die Stadt einen Weg um die Natur gefunden zu haben, um sich auszubreiten. Wir waren noch nie in einer so grünen Grossstadt. Vom Zelt aus konnten wir Affen in den Bäumen beobachten und an jeder Ecke stehen grosse Bäume. Viele Hügel sind nicht bewohnt, da sie so steil sind. Um auf den bekanntesten dieser Hügel, den Zuckerhut zu kommen, kann man einen steilen Wanderweg im Urwald nehmen. Man würde nicht denken, dass man sich Mitten in einer Millionenstadt befindet. Neben der modernen Küste mit vielen Hochhäusern und einer Strandbar an der anderen, ist Rio aber auch bekannt für die Favelas, seine Armenviertel. Noch heute sind viele davon von der Drogenmafia kontrolliert und man sollte nicht einfach in eine hinein laufen, aber es gibt auch immer mehr, die man ohne Probleme besichtigen kann, wo es Bars und auch Hostels gibt. Die Favelas gehören zu Rio und sind für gewisse Geschäfte auch sehr beliebt. Sie sind immer noch illegal und somit auch illegal an Strom und Wasser angeschlossen, sprich, man bezahlt dafür nichts. So wird in einer Favela zum Beispiel Apfelstrudel hergestellt, der dann in einem der Tophotels der Stadt verkauft wird. Neben Apfelstrudel hat Rio und generell Brasilien viel Kulinarik zu bieten. Überall findet man leckeres Essen. Überall werden Coco gelado (gekühlte Kokosnüsse), Caipirinha und andere Drinks verkauft. Die Coco gelado hatten wir schon vorher mal probiert, aber am Strand unter der Sonne schmecken sie einfach viel besser. Für umgerechnet einen Franken bekommt man eine frische, grüne, gekühlte Kokosnuss, die geöffnet wird und man kann mit einem Strohhalm das Kokoswasser aus schlürfen. Für uns ist dies der Inbegriff von Sonne, Strand und Meer.

Nach fast drei Wochen in Rio de Janeiro, ein bisschen Sightseeing, viel Geduld beim Mechaniker, neuen Kleidern und Flipflops, ging es endlich wieder weiter. Immer weiter der Küste entlang Richtung Nordosten und dann nach Belém, wo der Amazonasfluss ins Meer fliesst. Mit viel Vorfreude auf noch mehr Sonne, Strand und Meer, machten wir uns auf den Weg.