Argentinien 2022

3 Motorradtechnik und das Leben auf dem Lande

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Nach einigen Monaten unterwegs, war es wiedermal an der Zeit etwas sesshaft zu werden. Konstant unterwegs zu sein ist sehr ermüdend, da man die ganze Zeit all die neuen Eindrücke verarbeiten und einsortieren muss. Ausserdem müssen täglich viele Entscheidungen getroffen werden und man kommt fast nicht zur Ruhe. Umso mehr schätzen wir auch die Zeiten, in denen wir an einem Ort sind, den Ort und die Menschen besser kennenlernen können und auch mal eine gewisse Ortskunde erreichen. Es ist richtig schön wenn man beim Einkaufen weiss, wohin man gehen muss.

Unser erster Halt machten wir in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, in der uns Marcus, der österreichische Motorradfahrer, mit dem wir fast 3 Monate in San Pedro de Atacama in Chile verbrachten, schon freudig erwartete. Wie es der Zufall so wollte, hütete er genau zu dieser Zeit eine wunderschöne Altstadtwohnung, wo auch wir unterkommen durften. Es war ein tolles Wiedersehen und wir hatten uns wieder viel zu erzählen. Auch feierten wir Rinos Geburtstag mit einem extrem leckeren Asado (argentinisches Barbecue). Marcus war aber nicht der einzige Grund, warum wir nach Buenos Aires fuhren. Neben der tollen Stadt, die wir aber schon vor ein paar Jahren anschauen durften, mussten wir einen Briefumschlag auf der schweizerischen Botschaft abholen. Auf langen Reisen müssen immer wieder gewisse organisatorische Dinge erledigt werden, die meist aus der Ferne gar nicht so einfach sind. Diesmal ging es um eine neue Kreditkarte. Da unsere Bank den Kartenhersteller wechselte, mussten alle Kreditkarten ersetzt werden, auch wenn das Ablaufdatum noch lange nicht erreicht war. Da die argentinische Post leider sehr unzuverlässig ist, wollten wir nicht das Risiko eingehen und eine Kreditkarte per Post versenden. Also fragten wir bei der schweizerischen Botschaft, ob es eine Möglichkeit gäbe, uns diese Kreditkarte per konsularischem Postweg zukommen zu lassen. Glücklicherweise war die Botschaft so freundlich und wir konnten innert wenigen Tagen unsere neue Karte im schweizerischen Konsulat in Empfang nehmen. Auch unser Touristenvisum mussten wir in Buenos Aires beim Migrationsamt um weitere drei Monate verlängern lassen. Was ein eigentlich einfaches Unterfangen zu sein scheint, stellte sich dann aber doch etwas komplizierter heraus. Als wir in Argentinien eingereist sind, dauerten die Formalitäten an der Grenze für zwei Personen inklusive Fahrzeugimport und Visaausstellung rund 20 Minuten. Nur das Touristenvisa zu verlängern dauerte in Buenos Aires dann aber über 3 Stunden, in denen wir einfach im Migrationsamt herumsassen und warteten. Somit lernten wir die komplizierte und langsame argentinische Bürokratie kennen, von der uns alle erzählt hatten. Das Erstaunliche für uns war, dass die Beamten die ganze Zeit arbeiteten und wir uns nicht vorstellen können, was für Arbeiten 3 Stunden lang dauern, um ein einfaches Touristenvisa zu verlängern. Vielleicht finden wir es irgendwann mal heraus...

Nach Buenos Aires fuhren wir in Richtung Córdoba. Kurz vor Córdoba kam uns allerdings die Idee, einen Abstecher nach San Juan zu machen (ca. 600Km entfernt), um meine (Marinas) Gastfamilie aus meinem Austauschjahr im 2006/07 zu besuchen. Wir verbrachten einige sehr schöne Tage in San Juan mit meiner Gastfamilie und meinen Freunden. Der Besuch in San Juan war schon seit wir in Argentinien angekommen waren ein grosses Thema und eigentlich war es für mich nicht möglich nach Argentinien zu kommen, ohne meine Gastfamilie zu besuchen. Da Argentinien aber nicht gerade klein ist und die Distanzen extrem gross, war es nicht einfach, mal so schnell nach San Juan zu fahren. Der Moment schien jetzt für alle passend und wir waren froh, dass wir diese Gelegenheit ergriffen hatten.

Danach ging es wieder zurück nach Córdoba wo uns Jürg (mein schweizer Verwandter) und seine Familie schon wieder erwarteten. Unterwegs Motorradersatzteile zu finden ist nicht ganz einfach, deshalb nutzen wir die Gelegenheit, dass wir in der zweitgrössten Stadt Argentiniens waren und machten wiedermal alle notwendigen Arbeiten an den Motorrädern. Argentinien erhebt auf fast alles, das aus dem Ausland kommt horrende Zölle. Vor allem aber auf teure Dinge, zu denen die Ersatzteile unserer Motorräder gehören. Da wir mit der Politik Argentiniens schon seit Jahren recht vertraut waren, wussten wir von diesen Zöllen und informierten uns schon in Chile, was man in Argentinien zu einem bezahlbaren Preis bekommt und was nicht. Nach dieser Recherche entschieden wir uns drei Reifen mitzunehmen, da diese extrem viel teurer sind in Argentinien, als in Chile oder Europa. (In Argentinien kostet ein Satz Reifen 1200US$, in Chile/Europa 300US$.) Im Autounterstand von Jürg durften wir an unseren Motorrädern schrauben, in der Stadt versuchten wir unsere Ersatzteile, wie Öl, Ölfilter und Zündkerzen zu organisieren und alles, was wir da nicht fanden, bestellte er für uns übers Internet. Da wir sämtliche Arbeiten an den Motorrädern selber erledigen möchten, sind Orte wie dieser einfach unbezahlbar. Wenn dann noch gute Gesellschaft dazu kommt, fühlen wir uns schnell wie Zuhause und möchten gar nicht mehr weg.

Und dann gab es da noch eine neue Verbindung zu Córdoba und zwar Lena, eine Cousine zweiten Grades, die seit Kurzen auch in Córdoba lebt. Sie besuchte im Januar ihre Familie in der Schweiz und war so lieb und brachte uns einige Ersatzteile, Weihnachtsgeschenke und Haribo Packungen von meiner Familie mit. Es ist spannend, wie das Ausland verbindet und wie nahe man sich plötzlich fühlen kann, auch wenn man sich schon seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen hat. Wir genossen es sehr, Zeit mit ihr und ihrem Mann verbringen zu dürfen.

Nach über drei Wochen in Córdoba waren unsere Motorräder wieder in perfektem Zustand und bereit weiter zu ziehen. Doch die Reise dauerte nur einen Tag, bevor sie wieder vier Wochen herumstanden.

Wir hatten wiedermal Lust einen Helfereinsatz zu machen und hatten schon einige Zeit vorher Kontakt mit Hector und Magali aufgenommen. Hector kommt aus Buenos Aires und Magali aus Frankreich und gemeinsam haben sie sich vor 4 Jahren ein 4 Hektar grosses Grundstück südlich von der Stadt Córdoba gekauft mit dem Gedanken möglichst mit und von der Natur zu leben. Dies beinhaltet einen grossen Gemüsegarten und einige Nutztiere wie Hühner und Ziegen. Da niemand der beiden einen handwerklichen Hintergrund hat, waren sie um unsere Fähigkeiten sehr froh und wir stürzten uns sogleich ins Projekt Treibhaus bauen. Es war für uns sehr interessant eine Zeit lang bei seinem solchen Projekt dabei sein zu dürfen. Schon vor der Reise haben wir uns immer wieder überlegt, dass wir uns gerne ein Stück Land kaufen würden, um dort etwas zu starten und auf zu bauen. Ob wir das je umsetzen, steht noch in den Sternen, aber solche Projekte zu besuchen lehrt uns immer sehr viel und wir merken immer mehr, was uns eigentlich wichtig ist und was wir möchten. Hector und Magali sind sehr gut eingebunden in der Nachbarschaft und wir durften einige ihrer Nachbarn kennenlernen. Vor allem Juan hat bei uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wir würden ihn als einen typischen argentinischen Campesino (Bauer oder Person, die auf dem Land lebt) bezeichnen. Juan ist knappe 70 Jahre alt und besitzt ein Grundstück von etwa 40 ha an der Bergkette von Córdoba. Um auf sein Grundstück zu gelangen muss man über Stock und Stein durch drei weitere Grundstücke fahren, bei denen man immer die Tore aufmachen und wieder schliessen muss. Bei ihm leben rund 100 Hühner, 50 Ziegen und Schafe und einige Kühe. Er lebt und arbeitet alleine und Hector hilft ihm von Zeit zu Zeit. Juan unterstützt Hector und Magali wo er kann und führt sie ins Leben auf dem Lande ein. Auch uns hat er mit offenen Armen und einem Mate-Tee empfangen. Zu der traditionellen Tierhaltung gehört auch die Hofschlachtung fürs eigene Fleisch mit dazu. An Ostern schlachtete er einen Stier und lud uns anschliessend zum Abendessen ein. In ganz Argentinien ist das Asado sehr bekannt und wird fast jedes Wochenende zubereitet. In den Metzgereien findet man ganze Kuhhälften, die in die typisch argentinischen Stücke zerlegt werden. Entgegen dem Bild, was man in Europa vom argentinischen Fleisch hat, werden hier nicht grosse Steaks auf den Grill gelegt, sondern ganze Stücke, die mehrere Kilo schwer sind. Sobald sie gar sind, werden kleine Stücke davon abgeschnitten und herum gereicht. So kann man meist den halben Tag einfach nur Fleisch essen. Beilagen sollte man sich gut einteilen, da es nicht viel dazu gibt. Als wir bei Juan ankamen, hing der ganze Stier, inklusive sämtlicher Innereien und was es sonst noch so gibt auf der Terrasse und das Fleisch schnitten wir mit der Eisensäge vom grossen Stück und es wurde diesmal nicht auf der Parilla (Grill) sondern im Horno de barro (Lehmofen) zubereitet. Wir fühlten uns so richtig wohl bei ihm und freuten uns sehr, dass wir durch diesen Helfereinsatz eine sehr traditionelle Lebensweise kennenlernen durften.

Die Zeit bei Magali und Hector war sehr intensiv. Wir philosophierten viel mit Hector, konnten viel lernen und ihnen viel beibringen. Man hört oft von Städtern, die sich ein Stück Land kaufen und etwas beginnen möchten und viele halten nicht lange durch, da sie ein solches Projekt und die Arbeit, die dahinter steckt, unterschätzen. Als wir Magali und Hector und ihre Arbeitsweise beobachteten, merken wir, dass es für sie extrem viel Energie kostet. Sie müssen sich über alles zuerst informieren und sich überlegen, wie sie etwas umsetzen können. Für uns Handwerker einfachere Dinge wie Reparaturen oder zum Beispiel ein Treibhaus bauen, erfordert für sie sehr viel mehr Aufwand, da nicht nur die Planung des Projektes schwierig ist, sondern auch die Umsetzung. Dementsprechend hoch ist der Energie- und Zeitaufwand für jedes einzelne ihrer Projekte. Doch genau an diesen Projekten wachsen sie und lernen jeden Tag etwas Neues. An solchen Orten ist es eine Freude für uns zu helfen und unser Fachwissen weiter zu geben. Wir haben grossen Respekt vor all dem, was sie bis jetzt erreicht haben und was sie noch erreichen möchten.

Die Zeit verging wie im Fluge und nach vier Wochen zog es uns weiter und wir verabschiedeten uns. Wir hoffen sehr, dass sie weiter an ihrem Traum arbeiten und freuen uns schon, nächsten Frühling all die Setzlinge aus dem neuen Treibhaus zu sehen.

Für uns gibt es jetzt nur noch eine Richtung in Argentinien, der Nordosten mit der Provinz Misiones, die für ihre Andersartigkeit und den Urwald bekannt ist.